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Margarete Gräfin Wurmbrand 1916/17

¾ Portrait in leichter Schrägansicht und sitzender Stellung. Die Dargestellte sitzt auf einem Biedermeier-Sessel mit offener Lehne und weinrotem Sitzpolster an einem Klavier. Ihr Haupt ist nach links gewendet, ihr Blick nach oben gerichtet, den Betrachter nicht direkt ansehend. Ihre lange Perlenkette ist über den Daumen ihrer linken Hand geschlungen und wird von den angewinkelten rechten Hand umfasst. Die Dargestellte trägt ein V-förmig ausgeschnittenes ärmelloses schwarzes Seidenkleid, darüber einen schwarzen Chiffon, eine lange Perlenkette, sowie einen Perlenring und tropfenförmige Perlen-Ohrgehänge. Bildhintergrund: Eine weiße Sprossentür mit zwei Flügeln (Adams Atelier in der Theresianumgasse 11).

JQAW# P_1917_150
Öl auf Leinwand 85 x 60 (?) cm
Signatur: John Quincy Ɑdams
Privatbesitz Österreich
Abbild: Privatphoto

Margarete Gräfin Wurmbrand Stuppach, geb. von Schenk, 25.11.1872 Wien bis 19.5.1957 Prag. Passionierte Jägerin, Komponistin und Klavierspielerin.

Margarete wurde am 25. November 1872 in Wien geboren und 6. Jänner 1873 Evangelisch AB auf den Namen Margarete Malvine Idaly von Schenk getauft. Als Zeichen des gehobenen sozialen Status der Eltern fungierten als Taufpaten neben Familienmitgliedern des Vaters und der Mutter auch der Statthalter (Gouverneur, Landeshauptmann) von Niederösterreich Graf Erich Kielmannseg und seine musikalische (Sängerin, Komponistin) Gattin Anastasia.

Margaretes Mutter Johanna von Heiligenstaedt (Heiligenstädt/Heiligenstadt, 1844-1913) entstammte dem Ostpreußischem Kleinadel und wurde in Königsberg (heute Kaliningrad, RU) geboren, ihr Vater Ernst von Heiligenstadt war Rittmeister und ihre Mutter Malvine eine geborene von Bültzingslöwen, einem thüringischen Uradelsgeschlecht, das mit den Grafen Kielmannseg verwandtschaftlich verbunden war. Johanna von Heiligenstaedt schlug eine musikalische Laufbahn ein. In Italien zur Sängerin ausgebildet, nahm sie den Künstlernamen Giovaninna Stella an und war u.a. am Stadttheater Frankfurt am Main als Sängerin beschäftigt. 1868 gastierte sie erstmals als Fräulein Stella an der Hofoper in Wien, später auch am Carlstheater. Ihre Paradepartien waren u.a. die Isabella in Meyerbeer’s Robert le Diable (ihre Wiener Debut-Rolle), die Titelrolle der Martha in Flotow’s gleichnamiger Oper, sowie der Gabriele in Kreutzer’s Oper Die Nachtwache. Ihr letzter dokumentierter öffentlicher Auftritt fand im Mai 1871 in Frankfurt statt. Im September 1871 wird in Wien ihre Verlobung mit Adolf Schenk bekanntgegeben. Die Trauung fand am 3. Oktober 1871 in Form einer (damals noch eher seltenen) Ziviltrauung im Wiener Rathaus statt, die der Bürgermeister Wiens Dr. Cajetan Felder persönlich vornahm (bemerkenswerterweise deklarierte sich Johanna dabei als „ohne [religiöses] Bekenntnis“).

Margaretes Vater war Adolf Schenk (1833-1919; seit 1872 nobilitiert als Ritter von Schenk), der aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie aus Neustadt am Waag (Ungarn, heute Slowakei) stammte und zuerst als Eisenbahnexperte und Beamter der privaten Südbahngesellschaft Karriere machte (dort zuletzt Sekretär des Generaldirektors). Er gründete 1862 gemeinsam mit seinem gleichnamigen Cousin Adolf Schenk, der 1883 als Schenk de Lédecz in den ungarischen Adelsstand erhoben wurde (er war auch Großvater der charismatischen von Adams portraitierten Gräfin Hilda Auersperg), eine Handelsfirma die v.a. im Holz- und Kohlehandel tätig war und beide Gesellschafter sehr vermögend machte. Adolf von Schenk war 1869 Mitbegründer und Direktor der Privatbank „Wiener Bank-Verein“, ab 1883 dessen Vize- und ab 1906 Präsident (s. sein zu diesem Anlass in Auftrag gegebenes Portrait von Philip de László) und war auch im Verwaltungsrat (Aufsichtsrat) zahlreicher Unternehmen tätig. Am 14.12.1886 Austritt aus dem Judentum und Taufe Evangelisch AB als Johann Adolf Ritter von Schenk; am 27.12.1909 Ernennung zum lebenslangen Mitglied der Herrenhauses (der oberen Kammer des Parlaments). Um seinen phänomenalem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg Ausdruck zu verleihen, erwarb er 1887 um 200,000 Gulden die Liegenschaft Theresianumgasse 21 (Ecke Argentinierstrasse) und ließ sich vom Architekturbüro Fellner & Helmer 1888-1890 das repräsentative Palais Schenk errichten. Später auch als Palais Wurmbrand bezeichnet, ist es seit 1920 (Kaufvertrag vom 11.6.1920) im Besitz des spanischen Staates und beherbergt die spanische Botschaft. Nach starken Bombenschäden 1945 in etwas vereinfachter Ausführung renoviert und ausgebaut (s. Bildvergleich 1906-2026), prägt es weiterhin das Wiener Stadtbild. (Die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen, noch pompöseren Palais der Familie Rothschild wurden auch im Krieg beschädigt, jedoch danach abgetragen und durch Neubauten der Arbeiterkammer ersetzt.) Sandgruber (Traumzeit, 2013, S. 430) listed Adolf von Schenk als 88.-reichsten Wiener im Jahre 1910 mit einem versteuerten Einkommen von rund 450,000 Kronen (rund das 450-fache des Jahreslohns eines Facharbeiters - was bei heutigem [viel höheren realen Lohnniveau] mehr als 10 Millionen Euro entsprechen würde).

Das Erbe, das Margarete von den Eltern in die Wiege gelegt wurde, bestand also seitens der Mutter in ihrer Musikalität und seitens des Vaters in einem großen Vermögen.

Über Margaretes Kindheit liegen keine näheren Quellen vor. Sie lebte mit ihren Eltern zuerst in großbürgerlichen Mietwohnungen im 1. Bezirk (bis 1872 in der Walfischgasse 8; 1873-1889 in der Elisabethstraße 16) und ab 1890 im familieneigenen Palais Schenk im 4. Bezirk und wurde wahrscheinlich von Privatlehrern unterrichtet. Bekannt ist, dass Margarete ihre musikalische Ausbildung nach ersten Unterricht durch ihre Mutter durch bekannte Wiener Musikpädagoginnen erhielt: Frau Prof. Bruckner sowie Gisela von Ehrenstein, die auch Margaretes Tochter Huberta unterrichtete. Ihren ersten öffentlichen musikalischen Auftritt hatte Margarete am 27.3.1886 bei einer von Frau Prof. Bruckner für ihre Schülerinnen organisierten musikalischen Soiree im Streicher Saal, der 1812 errichtet und von Beethoven eröffnet wurde. Neben musischen Talenten entwickelte Margarete auch sportliche Interessen, so trat sie 1883 als 11-jährige dem Wiener Eislaufverein bei. Nach ihrer Heirat wurde sie zu einer passionierten Jägerin und Züchterin von Jagdhunden.

Am 25.11.1890 verlobte sich Margarete mit dem Erbgrafen Wilhelm Ernst Wurmbrand Stuppach (1862-1927), der als Oberleutnant im Dragonerregiment 12 diente. Die Heirat erfolgte am 27. Mai 1891 in der Wiener Votivkirche, als Beistände der Braut fungierten Vater Adolf sowie (wiederum) Graf Kielmannseg, sowie seitens des Bräutigams Prinz Windischgraetz sowie sein Onkel Graf Hermann Wurmbrand Stuppach.

Die Grafen Wurmbrand Stuppach sind ein Geschlecht, das seit dem 12. Jahrhundert dokumentiert ist und zum österreichischen Hochadel zählt. Der Name Wurmbrand leitet sich von einer Legende eines feuerspeienden Lindwurms ab, der Zusatz Stuppach bezieht sich auf den ersten Stammsitz (bis 1659) des Geschlechts Schloss Stuppach (das durch den Auftraggeber von Mozarts Requiem Graf Walsegg 1791 bekannt ist). Zum späteren Stammsitz wurde die Burg Steyersberg in Niederösterreich, die seit 1600 im Besitz der Wurmbrand ist.

Nach den gesellschaftlichen Konventionen der Zeit war eine Heirat zwischen einer Tochter eines „neureichen“ jüdischen Konvertiten mit einem rezenten niedrigen Adelstitel und einem Erbgrafen eines jahrhundertealten Hochadelsgeschlechtes nicht standesgemäß. Solche Verbindungen sind aber bei der weitverzweigten Wurmbrand Familie und auch in anderen Familien der Hocharistokratie trotzdem mehrfach belegt. Die Verbindung zwischen Margarete und Wilhelm entsprach einerseits dem Bedürfnis nach sozialem Aufstieg (seitens der Schenk) und der Sanierung der wohl katastrophalen Finanzen des Hauses seitens der Wurmbrand (Zitat einer Nachfahrin: „Die Wurmbrand und Tinti haben immer mehr ausgegeben als eingenommen“). Details verweisen auf das faktische Machtverhältnis bei dieser Heirat: entgegen üblichen Gepflogenheiten konvertierte Margarete nicht zum katholischen Glauben des Gatten, sondern behielt ihr Bekenntnis Evangelisch AB; ebenso bemerkenswert ist, dass als Trauzeuge von Wilhelm nicht sein Vater Graf Ferdinand Gundaccar W-St. (1835-1896) fungierte, sondern sein Onkel Hermann W-St. (1836-1901), was wohl als Zeichen der Missbilligung seitens des Vaters zu werten ist. Trotzdem kann die Ehe als gegenseitige Win-win-Situation gesehen werden. Margarete wurde zur Gräfin Wurmbrand Stuppach mit der Anrede „Erlaucht“ (zu der verwirrenden Namensgleichheit von drei Gräfinnen Margarete Wurmbrand, s. Fußnote [1]). Margaretes Mitgift muss mehr als substantiell und hochwillkommen gewesen sein. Bereits 1893 erfolgen umfangreiche Um- und Zubauten beim Neuen Schloss der Burg Steyersberg (worauf lt. Burgen Austria das datierte Allianzwappen Wurmbrand-Schenk hinweist), 1896 wurde der repräsentative Gutshof, ein fünfeckiger Bau im Stil der Burgenromantik, vom Büro Helmer & Fellner (die auch beim Palais Schenk in Wien tätig waren) errichtet. Darüber hinaus passte sich Margarete rasch an die Interessen und den Lebensstil des Gatten an, der für seine Jagdpassion bekannt und ein führender Vertreter des Jagdwesens in Österreich war (Präsident des Jagdschutzvereins Niederösterreichs und Wiens, des Jagdklubs, sowie ein führender Betreiber der Errichtung des Jagdstandbildes von Kaiser Franz Josef in Bad Ischl, das 1910 eingeweiht wurde). Margarete sah wohl auch nachsichtig über außereheliche Eskapaden des Gatten (die durch einen Ehrenbeleidigungsprozess in Jahre 1902 an die Öffentlichkeit gelangten, Ostdeutsche Rundschau 8.8.1902 S.14) hinweg.

Der Ehe entsprangen drei Kinder: Huberta (1892-1967), Degenhart 1893-1965), und Ernst (1897-1960). Direkte Familiennachfahren stammen von drei Enkelkindern Margaretes ab: (US-Amerikanischer Zweig) nach Degenhart’s einzigem Kind, der Tochter Leonora („Lori“) verh. Miller, resp. von Wertheimstein (1927-2009); und (tschechischer Zweig) nach Huberta’s Kindern Marie Jana, verh. Laxa (1919-2009), und Christoph/Kryštof (1927-1999) Kolowrat.

Das Jahrzehnt nach Margaretes Heirat verlief ruhig und ohne öffentliche Auftritte. Das junge Ehepaar hatte wohl auch keinen ständigen Hauptwohnsitz, da alle Kinder in unterschiedlichen Orten geboren wurden: Huberta 1892 (Mauer bei Wien), Erbgraf Degenhart 1893 (auf Schloss Krummnußbaum, das den mit den Wurmbrand durch eine zweifache Geschwisterhochzeit verbundenen Freiherren von Tinti gehörte) und Ernst 1897 (Steyersberg, das Gatte Wilhelm nach dem Tode seines Vaters 1896 als Chef des Hauses Wurmbrand übernahm). In dieser Zeit widmete sich Margarete neben der Obsorge ihrer Kinder vor allem um ihre neuentdeckten jagdlichen Interessen. Sie entwickelte sich zu einer hervorragenden Schützin, passionierten Jägerin und widmete sich auch der Zucht von Jagdhunden (Dackel) in ihrem Zwinger „Forst“. Ihre Jagdtrophäen errangen zahlreiche Preise bei den damals populären Jagdausstellungen (so im Jahre 1900, 1911 und 1912) und auchüber ihre Strecken wurde in der Fachpresse berichtet (Für’s Jagdschloss September 1903, S.1). So erlegte sie 1902/03 (die nach heutigen Maßstäben exzessive Zahl von) 3059 Stück Wild (20 Hirsche und Gemsen, 300 Rehe, 120 Hahnen, und mehr als 2000 Hasen und Rebhühner). Margarete war somit eine der wenigen Frauen, die sich in der männerdominierten Jägerschaft um 1900 Ruhm und Anerkennung erwarb (wie auch ihre Geschlechtsgenossinnen Valentine Rothschild-Springer, Margret Krupp, Mary von Stern, sowie Esperence Solms-Braunfels, Neu.Wr.Journal 16.7.1922 S.7-8).

Nach 1901 tritt Margarete auch verstärkt in der Öffentlichkeit auf. Sie fungiert als Patronesse bei zahlreichen Veranstaltungen wie Bällen, Soireen, und künstlerische Abende, die musikalische, literarische, sowie auch Beiträge der bildenden Kunst in Form eines gesellschaftlichen Gesamtkunstwerkes vereinten. (Beiträge der bildenden Kunst waren oft in Form von „lebenden Bildern“, wo Prominente ein von einem Künstler –auch von John Quincy Adams- gestaltetes Bildwerk auf der Bühne darstellten - so 1914 bei einer Konzertsoiree im Wiener Musikverein.) Die Rolle der Patronessen war einerseits gesellschaftliche Distinktion der Veranstaltung zu signalisieren: eine große Zahl prominenter Patronessen erhöhte die Bedeutung einer Veranstaltung und wurde breit publiziert; der Einzug der Patronessen nach den Mitgliedern des Herrscherhauses in Hand prominenter Gesellschafter (in der Regel nicht der Ehepartner) markierte auch die Eröffnung einer Veranstaltung. Patronessen hatten aber auch praktische Funktionen. Sie unterstützten die Veranstaltung durch den Vertrieb von Eintrittkarten, organisierten „Stationen“ in denen Erfrischungen, Mehlspeisen oder Blumen verkauft wurden und unterhielten die Gäste, im Falle Margaretes auch mit musikalischen Einlagen (so 1913 bei einer karitativen Auktion in den Blumensälen, wo Margarete eine Bar organisierte und die Gäste am Klavier mit Wienerliedern unterhielt). In der Regel dienten die Erlöse solcher Veranstaltungen karitativen Zwecken, was die ehrenhalber übernommenen Aufgaben der Patronessen sozial legitimierte. (Eine Aristokratin hätte sonst selbst im privaten Rahmen nie als Serviererin oder Blumenverkäuferin auftreten können.)

Fixpunkte im sozialen Kalender von Margarete war vor allem der Ball der Gesellschaft des Grünen Kreuzes („Jägerball“), zur Unterstützung notleidender Berufsjäger und ihrer Witwen und Waisen, der Gesellschaft des Weissen Kreuzes (zur Unterstützung von Kriegsveteranen), und der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft (Vorläufer des Roten Kreuzes) unter vielen anderen. „Pflichtveranstaltungen“ ohne karitativenHintergrund waren vor allem das „Wiener Derby“ (ein Pferderennen), das den Höhepunkt des gesellschaftlichen Kalenders vor der Abreise in die „Sommerfrische“ darstellte. All diese Veranstaltungen boten Anlass, sozialen Status und persönlichen Geschmack durch aufwendige Roben und kostbaren Schmuck (im Fall Margaretes Brillantdiademe und Perlen), über die in der Presse breit berichtet wurde, öffentlich sichtbar zu machen. Im Falle Margaretes waren die Roben oftmals so extravagant, dass sie in der Presse auch durch Modezeichner illustriert wurden (s. ein Beispiel vom Jägerball 1913, Neu.Wr. Journal 19.1.1913 S.11), wobei die Unterscheidung zwischen extravaganter Ballrobe und Faschingskostüm nicht oft einfach zu treffen ist. So tritt Margarete 1910 beim Ball der Freiwilligen Rettungsgesellschaft als „Weisse Perle“ auf: Ihre Robe und Handschuhe reich mit Perlen bestickt und am Kopf einen perlenbestickten Kopfschmuck in Form einer Perle, was Margaretes Vorliebe für Perlen illustriert, die auch in ihrem Adams Portrait dargestellt sind.

Karitative musikalische Veranstaltungen wie Konzerte, Soireen, und musikalische Tees, die vor allem in den ersten Kriegsjahren 1914-1916 verstärkt organisiert wurden, boten Margarete auch die Möglichkeit als Pianistin, Komponistin und Verfasserin von Liedertexten in die Öffentlichkeit zu treten. Ihr musikalisches Repertoire war breit und umfasste Konzerte, Sonaten, sowie Lieder von Komponisten der Klassik (Beethoven), Romantik (Schubert, Schumann, Grieg, Brahms), aber auch bemerkenswerterweise verstärkt zeitgenössische Musik (Korngold, Richard Strauss, auch Margaretes Liebe zum Werk Gustav Mahlers ist dokumentiert) - siehe dazu den tabellarischen Überblick über Margaretes Konzertauftritte , Programm und Mitwirkende. Margaretes Aufgeschlossenheit für neue Musikströmungen ist auch durch einen Auftritt bei einer karitativen Veranstaltung in der Ungarischen Botschaft am 28.1.1923 dokumentiert, wo sie mit einem Ensemble von Musikerfreunden als Jazzband auftritt und das Publikum durch moderne Tanzweisen (Shimmys) erfreute. Angesichts der ebenfalls auftretenden traditionellen Zigeunerkapelle soll Margarete mit trockenem Humor festgestellt haben: „Das ist die Konkurrenz. Wer wohl beim Fest mehr Beifall haben wird – die oder wir?“

Bei diesen musikalischen Auftritten, u.a. auch im elterlichen Palais Schenk (s. einen entsprechenden Pressebericht von Elsa Tauber aus 1916), wirkten oftmals Freunde und Familienmitglieder mit, so zum Beispiel Tochter Huberta sowie Adelma Tinti, die Tochter ihrer Schwägerin Henriette Wurmbrand, verh. von Tinti, die beide auch von Adams portraitiert wurden. Margarete war auch als Komponistin tätig. Erste Lieder („Das Drah’n ist eine Lust“ und „Blaue Augen“) veröffentlichte sie noch unter dem Pseudonym „M von Weyersberg“. 1916 veröffentlicht Margarete unter eigenem Namen zwei „Kriegslieder“ (s. die Partitur), die sie ihren im Krieg dienenden Söhnen widmete (auch Gatte Wilhelm kehrte aus der Reserve in der Armee zurück). Diese zwei Lieder wurden laut vorhandenen Quellen nach jeweils mit Margaretes Klavierbegleitung am 31.3.1916 (Gesang Josefine Glöckner-Kramer), am 9.4.1916 (Gesang: Huberta Wurmbrand), sowie am 15.5.1918 (Gesang: Agnes Prycht-Pyllemann) öffentlich aufgeführt. Das daraus stammende Walzer-Lied „Auf Urlaub“ (Liedtext von Leo Leipziger) wurde 2026 von einem von Herausgeber rekrutierten US-Amerikanisch-Österreichischen Laienensemble (die Adams Biographie widerspiegelnd) erstmals nach mehr als 100 Jahren wieder aufgeführt (und ist auf diesem Audio-link anzuhören) und soll dem Leser die Komponistin Margarete Wurmbrand näherbringen und Zeugnis dieser bemerkenswerten Frau und Musikerin abgeben.

Margarete publizierte auch eine Reihe von Feuilletons in der Tagespresse (Die Presse, Fremdenblatt, Neues Wiener Journal) wo sie ihre Ansichten zu verschiedenen Themen darlegte wie z.B. Modefragen oder die wirtschaftliche Situation während und nach dem Ersten Weltkrieg, in der sie die beginnende Verarmung der Bevölkerung feststellte und eine neue Bescheidenheit im gesellschaftlichen Auftreten der Eliten einforderte, die nach dem Krieg und der Hyperinflationszeit notgedrungen auch praktiziert wurde. So änderte sich z.B. der Dresscode nach dem Weltkrieg beim Jägerball in Richtung Tracht (Dirndl, Jagd/Steirer-Anzug), eine Tradition, die auch heute noch weiterbesteht. Besonders berührend ist ein Beitrag, den Margarete 1919 im Neuen Wiener Journal veröffentlichte, in dem sie das (wirtschaftlich) „sterbende Wien“ und die Auswirkungen auf Wiens Musikleben, besonders die drohende Auswanderung des Rose-Quartetts beklagte. (Das Rose-Quartett verließ Wien allerdings erst 1938 und nicht aus wirtschaftlichen Gründen sondern aufgrund rassischer Verfolgung durch die Nazis nach dem Anschluss Österreichs.)

Auch die Wurmbrand waren vom wirtschaftlichen Niedergang nicht ausgenommen. Die in Kriegsanleihen investierten Vermögen waren nach dem Krieg verloren, die einsetzende Hyperinflation, die erst mit der Währungsreform und der Einführung des Schilling mit Goldbindung („Alpendollar“) 1925 gebändigt werden konnte, führte zu einer drastischen Einschränkung des privaten Konsums. Der Verlust des gemeinsamen Wirtschaftsraums der Monarchie und die protektionistische Handelspolitik der Nachfolgestaaten reduzierte den Handel und führte zum Verlust von Arbeitsplätzen in der Exportindustrie und zu Knappheit bei importierter Energie und Nahrungsmitteln. Mit Einsetzen der Weltwirtschaftskrise 1929 kam es neben Massenarbeitslosigkeit auch zum Verfall der Preise für landwirtschaftliche Güter und Holz, die die Haupteinnahmequellen des Grossgrundbesitzes, der Aristokratie und der Klöster darstellten, die Letztere zum Verkauf von Kulturschätzen ins Ausland (v.a. die USA) und Erstere zur Aufnahme von Schulden zwangen. Margarete verkaufte 1920 kurz nach dem Tode ihres Vaters, der 1919 ein Opfer der weltweiten Grippeepidemie wurde) das Familienpalais in Wien an den spanischen Staat (es dient seither als spanische Botschaft), ein Verkauf, der zum Zeitpunkt des Beginns der Hyperinflation wirtschaftlich unklug war, aber wohl durch die wieder einmal katastrophalen Wurmbrand Finanzen erzwungen war und wohl nur temporär Linderung brachte. (Margarete behielt aber in den 1920er Jahren weiterhin einen Wiener Wohnsitz, eine Mietwohnung im noblen Toscanahof in Nähe des ehemaligen Familienpalais.) Nach dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise 1929 geriet auch Sohn Degenhart, der 1927 die Erbfolge angetreten hatte, in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Ein Zeitungskommentar taxierte seine wirtschaftliche Situation 1934 zynisch, dass sich der Wert der Bäume der Wurmbrand’schen Waldungen darauf beschränkte, dass sich der Besitzer bevorzugt an ihnen aufhängen konnte. 1936 wurde der Wurmbrand’sche Fideikommiss wegen Überschuldung „sequestriert“ (unter Zwangsverwaltung gestellt) und der Verkauf des von der Stiftungsurkunde nicht geschützten Grundbesitzes gerichtlich angeordnet.

Trotz drastisch geänderter gesellschaftlicher (Aufhebung aller Adelstitel und Privilegien 1919) und wirtschaftlicher Verschlechterungen war Margaretes Leben in den 10 Jahren nach Ende des Krieges ein weiterhin privilegiertes und freudvolles. Sie frönte weiterhin ihrer Jagdleidenschaft und besuchte auch wieder gesellschaftliche Veranstaltungen (vor allem den Jägerball), wenn auch in reduziertem Umfang. Margaretes Kinder gaben zu Freude Anlass. Am 12.10.1918 heiratete Tochter Huberta in Wien den böhmischen Diplomaten und Juristen Graf Jan Hanuš („Hansi“) Kolowrat-Krakowský-Liebštejnský (1879-1955) und am 30.7.1919 wurde Enkeltochter Johanna/Jana („Hannerl“ 1919-2006) geboren. Obwohl Huberta bei ihrem Gatten auf Schloss Cernovice in Böhmen Wohnsitz nahm, blieb die Verbindung zur Mutter weiterhin eng. Am 15.5.1926 heiratete Sohn Degenhart in Paris die amerikanische Millionärstochter Lawton Filer (1903-1998), ein Ereignis, zu dem Margarete mit Sohn Ernst (der zeitlebens unverheiratet blieb) anreiste. Am 11.4.1927 wurde Enkeltocher Leonore/“Lori“ Wurmbrand (1927-2009) in New York geboren und am 21.6.1927 Enkel Kryštof Kolowrat (1927-1999). Da Sohn Degenhart hauptsächlich im Ausland lebte (Paris und San Francisco) war der Kontakt mit seiner Familie allerdings eingeschränkt.

Am 7.12.1927 stirbt Gatte Wilhelm an einem Herzinfarkt bei der Jagd. Danach zieht sich Margarete weitgehend aus der Öffentlichkeit und auf Schloss Steyersberg zurück. Lediglich regelmäßige wechselseitige Besuche von/mit Tochter Huberta, Schwiegersohn Hanus und den Enkelkindern alternierend auf Styersberg und Cernovice sowie seltene Besuche in Wien zu Vorträgen und Konzerten (jedoch keine Bälle mehr) bieten Abwechslung.

1938 ist Margarete 66 Jahre alt und sollte eigentlich einem geruhsamen Alter entgegensehen. Die politischen Verwerfungen, die mit dem Erstarken des Faschismus in Europa, dem folgenden Zweiten Weltkrieg, sowie der anschließenden geopolitischen Neuordnung mit der Entstehung des Eisernen Vorhangs, führten jedoch zu einer dramatischen Wende in Margaretes Leben. Die Basis ihrer sozialen Existenz und Identität, d.h. ihre familiären (jüdischen) Wurzeln, ihre (deutsche) Muttersprache, sowie ihr sozialer Stand (Mitglied der Hocharistokratie), die bislang ihr Leben prägten und privilegierten, wurden plötzlich Quelle politischer Verfolgung, Gefahr, und beständiger Lebensunsicherheit und dies unabhängig vom gerade herrschenden Regime (Nazis, erneuerte Tschechische Republik, Kommunisten).

Mit dem „Anschluss“ (d.h. der Auslöschung Österreichs) am 13. März 1938 und dem Einsetzen rassischer Verfolgung durch die Nazis wird ihre Abstammung plötzlich von Interesse, wie die Abfrageeintragungen bei ihren Taufmatriken und denen des Vaters vom 19.6. und 30.12. 1938 belegen. Für die Nazis galt Margarete aufgrund des jüdisch geborenen, aber später konvertierten, Vaters und dessen Eltern als „jüdischer Mischling Ersten Grades“, die zu Zwangsarbeit verpflichtet und unter gewissen Umständen auch ins KZ deportiert werden konnten. Margarete übersiedelte daher aus Österreich zu Tochter Huberta und Schwiegersohn Hanuš auf Schloss Cernovice in die Tschechische Republik, wo sie auch seit 1940 polizeilich gemeldet war. (Schloss Cernovice wurde von der Familie Kolowrat als eher bescheidene 2-flügelige Anlage als Sommerresidenz um 1820 errichtet. Ihr Stammsitz ist das unweit gelegene Schloss Reichenau an der Kniescha [Rychnov nad Kněžnou], das als größtes Barockschloss Böhmens gilt und Zentrum des über 7000 ha umfassenden Kolowrat Fideikomisses bildete. 1934 verzichtete Hanuš auf die Erbfolge zugunsten seines jüngeren Bruders Zdeněk [1881-1941], mit der Auflage, dass nach dessen Ableben die Erbfolge wiederum an seinen eigenen Sohn Kryštof [1927-1999] übergeht. Hanuš behielt sich lediglich Schloss Cernovice als Wohnsitz für sich und seine Familie.) Diese Übersiedelung bot Margarete aber nur kurzen Schutz, da nach der Annexion der Sudetendeutschen Gebiete im Herbst 1938 auch die Rest-Tschechoslowakei am 15.3.1939 von Deutschen Truppen besetzt wurde und Schwiegersohn Hanuš als tschechischer Patriot politisch extrem exponiert war (er und seine drei Brüder unterzeichneten die Loyalitätserklärungen des tschechischen Adels an die Republik –die dann nach 1989 Grundlage der Restitution adeligen Besitzes [und deren Adams Familienportraits] an patriotische Adelsfamilien wie die Kolowrat, Kinsky, oder Parish diente). Hanus‘ Güter wurden unter Zwangsverwaltung gestellt und Schloss Cernovice requiriert. Die Familie sowie Margarete durften aber weiterhin in einem Seitentrakt des Schlosses wohnen bleiben. Die Gefahr der Verhaftung und Deportation war aber während der Okkupationszeit immer präsent.

1945 brachte zwar das Ende des Weltkrieges und der Nazi Okkupation aber aufgrund der Beneš Dekrete, die zur Enteignung und Vertreibung von rund 3 Millionen deutsch sprechenden Einwohnern der Tschechoslowakei führte, eine erneute Bedrohung durch Verhaftung und Deportation für Margarete (in ihren polizeilichen Meldeunterlagen wird 1945 ihre österreichische Staatsbürgerschaft gesondert vermerkt). Es kann angenommen werden, dass die Rehabilitierung von Hanuš und die Restitution des Kolowrat Besitzes durch die neue tschechische Regierung allerdings einen gewissen Schutz bot.

Mit der Übernahme der Macht durch die Kommunisten 1948 wird die Gefahrenlage für Margarete als „Deutsche“ und nunmehr auch als aristokratische „Klassenfeindin“ wieder prekärer. Bereits 1948 werden die Kolowrats wiederum enteignet und die Familie sowie Margarete aus Schloss Cernovice delogiert. Sie finden freundliches Asyl bei der befreundeten Alžběta Dobrzenská, geborene von Wenckheim (1888–1964), in deren Villa in Potštejn werden aber politisch verfolgt und drangsaliert. 1953 werden Hanuš, Huberta und Sohn Kryštof verhaftet. Huberta wird ein Jahr lang in Prag im Pankrác Gefängnis ohne Verfahren inhaftiert. Nach der Amnestie 1954 wird die Familie zwar enthaftet, aber Hanuš und Kryštof werden zur Arbeit in der Land- bzw. Forstwirtschaft verpflichtet. Hanuš verstirbt 1955 in Reichenau/Rychnov, Kryštof lebt mit seiner jungen Familie in einer Waldhütte als Förster im Erzgebirge (die Familie emigriert 1968 nach Niederschlagung der „Prager Frühlings“ nach Österreich und kehrt erst nach 1989 wieder zurück). Margarete verstirbt kurz vor ihrem 85. Geburtstag am 19. Mai 1957 in Prag. Innerhalb der nächsten 10 Jahre versterben auch Ihre drei Kinder: Sohn Ernst 1960 und Sohn Degenhart 1965. 1961 gelingt Tochter Huberta die Ausreise nach Österreich, wo sie bei ihrem Bruder auf Schloss Steyersberg lebt und 1967 verstirbt.

Das Leben von Margarete und ihrer Familie illustriert paradigmenhaft Glanz und Elend des 20. Jahrhunderts, das vom „Zeitalter der Sicherheit“ (Stefan Zweig) in eine „neue“ Zeit der Kriege, Krisen, Unsicherheit, Verfolgung und Repression führte.

Das Adams Portrait der Gräfin Margarete Wurmbrand ist undatiert, aber wohl um die Jahreswende 1916/1917 im Adams Atelier in Wien entstanden. Zeitgleich entstand auch eine Portraitstudie der 24-jährigen Tochter Huberta mit ihrem Lieblingshund. Margarete's Portrait wurde von Adams bei seiner Kollektivausstellung im Wiener Künstlerhaus 1917 der Öffentlichkeit vorgestellt. Margarete und Gatte Wilhelm nahmen auch persönlich an der Vorbesichtigung der Ausstellung am 24. Februar 1917 teil (Deutsches Volksblatt 25.2.1917 S.11). Das konventionell komponierte Portrait, in dem die Dargestellte am Klavier sitzend gezeigt wird, ist jedoch durch den trefflich eingefangenen überraschten (auch etwas verschreckten) Gesichtsausdruck und der meisterlich eingefangene Bewegungsdynamik, in der sich die Dargestellte nach links drehend vom Klavier abwendet, das Haupt erhebt und den Blick nach oben richtet und dabei ihre lange Perlenkette mit beiden Händen umfasst, von besonderem Reiz und wurde diesbezüglich auch von der Kritik lobend hervorgehoben (Neues Wr. Tagblatt 8.3.1917 S. 11). Die Darstellung einer Bewegung im inhärent statischen Portrait gelingt nur extrem selten. Diesbezüglich ist Margaretes Portrait neben dem ikonischen Bild Die Operation aus 1909 einzigartig im Werkskanon von Adams.

Fußnote 1: Verschlungene Verwandtschaft der von Adams portraitierten:
In der Generation der gegenständlichen 1916/17 portraitierten Margarete II Wurmbrand Stuppach, geb. von Schenk (1872-1957) gibt es noch zwei weitere Namensgleiche: Margarethe (auch: Margarete I) Wurmbrand Stuppach, verh. Freifrau von Tinti (1870-1938), die Schwägerin von Margarete II, die um 1913 von Adams portraitiert wurde; ferner Margarete III Wurmbrand Stuppach, geb. Spitzer (1886-1952), die Gattin des Gundaccar Ferdinand Wurmbrand Stuppach (1863-1933), einem Cousin 3. Grades von Wilhelm Ernst Wurmbrand Stuppach (1862-1927) dem Gatten von Margarete II. Dessen Schwestern Margarete I Josephine (1870-1938) und Henriette/Henrike Aemiliana/Emilie (1864-1920) Wurmbrand Stuppach waren mit den Brüdern Arthur (1862-1917) und Karl Ferdinand (1859-1914) Freiherren von Tinti verheiratet. Die ebenfalls ca. 1917 von Adams portraitierte Baronesse Adelma Tinti (1892-1966) war die Tochter von Henriette und Karl von Tinti. Die 1916/17 portraitierte Huberta Wurmbrand Stuppach (1892-1967) s. Querverweise, war die Tochter von Wilhelm Ernst und Margarete (II) Wurmbrand Stuppach, geb. von Schenk.

Danksagung:
Den Nachfahren nach den Enkeln der Dargestellten R.M. und J.L. für die Verfügungsstellung eines Abbildes des Portraits und für Informationen zur Familie. Den Freunden Christian Maedel, Arthur Munkenbeck, und Tom Murphy, die mit dem Herausgeber das Wurmbrandlied Auf Urlaub 2026 erstmal wieder aufführten und aufnahmen.

Ausgestellt

1917 Künstlerhaus Wien Kollektivausstellung John Quincy Adams No. 12 (EL 61 1916/17 #501).

Literatur

Roman Sandgruber - Traumzeit für Millionäre, die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahre 1910, Styria, WIen, 2013, 495 pp.

Provenienz

Die Dargestellte und ihre Familiennachkommen.
Privatbesitz Österreich.

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