Marietta Ungnadin Gräfin von Weissenwolff 1917
Halbportrait in sitzender Stellung, leichte Schrägansicht, das Haupt dem Betrachter zugewandt, ihn mit blauen Augen direkt ansehend. Die Dargestellte sitzt in einem hohen, mit Gobelin-Stoff bespannten Lehnsessel, die Unterarme auf den Lehnen abgestützt, die Hände im Schoß ruhend. Sie trägt ihr Haar hochgesteckt mit einem Mittelscheitel und ist in ein schwarzes Seidenkleid, mit weißer Fütterung, hellgrauem Kragen und einer blau-violetten Stoffblume im Ausschnitt, gekleidet. Als Schmuck trägt sie eine kurze einreihige Perlenkette mit einem tropfenförmigen Brillantanhänger, dazu Brillantohrringe, sowie an beiden Armen schlanke Goldreifen, sowie einen breiten Gold- und einen Brillantring am Ringfinger ihrer rechten Hand. Bildhintergrund: gegenstandslose Farbfläche in Braun-, Grau- und Schwarztönen.
JQAW# P_1917_110
Öl auf Leinwand 90 x 65 cm
Signatur: John Quincy Ɑdams 17
Privatbesitz Österreich
Abbild: Privatphoto 2025
Marietta (Maria Eva Clara Carolina Camilla Wilhelmina Johanna) Ungnadin Gräfin von Weissenwolff, geb. Gräfin von Starhemberg, 24.11.1860 Bergheim bis 31.7.1940 Steyregg, die letzte derer von Weissenwolff.
Marietta wurde 1860 auf Schloss Bergheim unweit Linz in die Familie von Starhemberg hineingeboren. Die Starhembergs zählen zu den sogenannten Apostelgeschlechtern Österreichs, also Adelsfamilien, die bereits zur Zeit der Babenberger (vor 1246) in Österreich ansässig waren. Von ursprünglich 18 Apostelgeschlechtern bestehen heute noch sechs (Mitglieder aus fünf Familien davon wurden von Adams portraitiert). Die Starhembergs wurden 1643 in den Reichsgrafen und 1765 in den Reichsfürstenstand erhoben. (Der Chef des Hauses trägt den Titel Fürst, alle anderen Familienmitglieder tragen den Grafentitel, so auch Marietta).
Im Mai 1879 wurde die Verlobung der 19-jährigen Marietta mit Graf Konrad/Conrad Ungnad von Weissenwolff (1855-1912) in Meran bekannt gegeben; die Hochzeit erfolgte am 2. August 1879 in der Wiener Votivkirche. Die beiden Adelsgeschlechter waren durch wechselseitige Heiraten im 16. und 18. Jahrhundert bereits verwandtschaftlich verbunden. Die Ungnad von Weissenwolff sind ein Adelsgeschlecht, das bereits im 12. Jahrhundert in Kärnten belegt ist und nach 1600 in Oberösterreich ansässig wurde (zur Entstehungslegende des vorangtestellten „Ungnad“ Beinamens der Grafen Weissenwolff im 13. Jahrhundert, s. den Wikipedia-Eintrag). Ihr Stammsitz sind die Burg (weiterhin in Familienbesitz) und Schloss (1945 durch Bomben zerstört) Steyregg. Der Name Weissenwolff ist speziell auch in der Musikgeschichte verewigt. Franz Schubert widmete seinen Liederzyklus Op.52 nach dem Gedicht „The Lady of the Lake“ von Sir Walter Scott der Gräfin Sophie von Weissenwolff, geb. Gräfin Breunner (1794–1847), der Großtante von Konrad von Weissenwolff. Die Uraufführung des Werkes fand auf Schloss Steyregg statt. Ellens 3. Gesang, die Hymne an die Jungfrau, hat sich als Schuberts Ave Maria D839 unsterblich in den Musikkanon eingeschrieben. Erwähnenswert ist ferner auch der Bezug zur Kunstgeschichte: Die Donau und Schloss Steyregg haben zahlreiche Maler inspiriert, darunter (Joseph Mallord) William Turner (1775-1881), der 1840 Skizzen entlang der Donau mit einer Ansicht der „Steyerbourg“ und der Weissenwolff’schen Burgruine Spilberg anfertigte.
Die Ehe von Marietta und Konrad war mit fünf Kindern gesegnet: zwei Töchtern (Irene, 1880-1969; Henriette, 1883-1962) sowie drei Söhnen (Paul, 1886-1915; Johann, 1890-1893; Nikolaus, 1895-1917). Ihr Schicksal war indes von einer Reihe tragischer Todesfälle durch Unfälle und Infektionskrankheiten überschattet, die heute durch Antibiotika behandelt werden können, aber damals praktisch immer zum Tode führten. Diese Todesfälle führten zum Aussterben des Weissenwolff-Geschlechts in männlicher Linie (s. unten), weswegen Marietta auch hier als „letzte Weissenwolff“ charakterisiert wird. (Der Name wird aber nach einer Adoption 1944 von den Grafen Salm-Reifferscheidt-Ungnad-Weissenwolff weitergeführt).
Die Verbindung von Konrad und Marietta zum Herrscherhaus war eng. Marietta bekleidete die Funktion einer Palastdame (von Kaiserin Sisi), war Trägerin des (Hochadeligen) Sternkreuzordens (dem höchsten Damenorden der Monarchie), und Ehren- und Devotionsdame des Malteser Ritterordens. Konrad war Wirklicher Geheimer Rat und Kämmerer (Titel, die den direkten Zugang zum Hofe und zum Kaiser signalisierten), Herrenhausmitglied (1899-1912), Mitglied des Oberösterreichischen Landtages (1896-1902), Ehren- und Devotionsritter des Malteser Ritterordens, sowie Inhaber weiterer ziviler Ämter (Präsident des Oberösterreichischen Jagdschutzvereins, des Roten Kreuzes, sowie des Kunstvereins). Er fungierte auch mehrmals als Begleiter von Mitgliedern des Herrscherhauses. Im Mai 1888 begleiteten Konrad und Marietta Erzherzog Johann Salvator (den späteren Johann Orth) auf einer Adria-Kreuzfahrt auf dessen Jacht (Linzer Tagespost 3.5.1888, S.3). Als gesellschaftlicher Höhepunkt ist wohl das Debüt (die offizielle Einführung in die Gesellschaft) der zwei Töchter Irene und Henriette im Jahr 1903 beim kaiserlichen Hofball sowie bei den Wiener Kunstwanderungen und dem Hoyos Ballfest zu betrachten. Karitative Veranstaltungen wie etwa der Ball vom Grünen Kreuz (Jägerball) in Wien oder die Bälle des Roten Kreuzes in Linz waren regelmäßige Fixpunkte im sozialen Kalender von Konrad und Marietta. Familienfeiern (s. Querverweise), Reisen und Kuraufenthalte, bzw. Jagd (auch auf anderen Kontinenten) in Falle Konrads, waren ebenso charakteristische Merkmale des aristokratischen Lebensstils der Zeit.
Diese öffentlichen Rollen werfen jedoch kein Licht auf Marietta’s Persönlichkeit und Charakter. Es wird versucht, diese durch eine Betrachtung von familiären und wirtschaftlichen Entwicklungen zu erfassen, die das Bild einer durch starken Glauben, Willen und Familiensinn geprägten Persönlichkeit ergeben. Der Glaube ist Basis, die zahlreichen tragischen Schicksalsschläge zu ertragen; Willen und Familiensinn kennzeichnen die (erfolgreichen) Bemühungen ererbten Familienbesitz in schwieriger Zeit möglichst zu erhalten und in fairer Weise an zukünftige Generationen weiterzugeben.
Marietta trafen viele Schicksalsschläge. 1893 starb ihr erst drei Jahre alter Sohn „Hansi“ (Johann) an Typhus. Die Familie nahm dies zum Anlass, eine neue Familiengruft neben dem Friedhof Steyregg zu errichten, die 1894 eingeweiht wurde und in die der Leichnam von Hansi 1895 umgebettet wurde. 1912 starb der erst 59-jährige Gatte Konrad an einer Lungenentzündung, nachdem er sich bei der Hirschjagd verkühlt hatte. 1915 starben im Kriegsdienst Sohn Paul (Eisenbahnunfall während eines Kurierdienstes in Ungarn, bei dem er quasi enthauptet wurde) und Schwiegersohn Hugo Prinz von Thurn und Taxis (an den Folgen einer Schussverletzung, die er an der Ostfront erlitt). 1917, während eines Besuches der neuerworbenen Güter und Schloss Kopidlno in Böhmen, starb Sohn Nikolaus an einer Infektion nach einer Blinddarmoperation in Prag. Damit war das Geschlecht der Weissenwolff in männlicher Linie ausgestorben. Die Familie setzte sich über zwei Generationen in weiblicher Linie fort: Tochter Irene, verh. Szapáry, blieb kinderlos; Tochter Henriette, verh. Thurn und Taxis hatte drei Töchter: Maria Antonie Henriette, Antonie Irene, sowie Irene Marie Clothilde, die alle Nachkommen hatten. 1962 kamen bei einem tragischen Verkehrsunfall Antonie Irene und ihre zwei Töchter Marietta und Beatrix ums Leben.
Das Aussterben der männlichen Linie der Weissenwolff 1917 und der Zusammenbruch der Monarchie 1918/19 entzog der Familie das traditionelle Wirtschaftsmodell, um den Besitz über Generation zu bewahren und weiterzugeben: das Prinzip der Primogenitur (der älteste Sohn ist Alleinerbe) und das Instrument des Fideikommisses (eine Stiftung), der Erben zur Nutzung des Vermögens, aber nicht zu seiner Veräußerung berechtigte. Zusätzlich war die wirtschaftliche Situation nach dem Weltkrieg katastrophal: Hyperinflation, gefolgt von wirtschaftlicher Depression und Preisverfall landwirtschaftlicher Produkte und Holz, die die wirtschaftliche Basis traditioneller Fideikommisse bildeten. Marietta musste sich also in schwieriger Zeit als Verwalterin des Weissenwolff Besitzes bewähren, was angesichts der traditionellen Erziehung und dem Rollenverständnis weiblicher Mitglieder der Aristokratie in der Monarchie eine Herausforderung darstellte.
Allerdings war die wirtschaftliche Basis der Familie beeindruckend: Der Grundbesitz in Österreich betrug mehr als 2.000 Hektar plus (allerdings als erheblicher Kostenfaktor anzusehen) die Realitäten Burg und Neues Schloss Steyregg, die zwei Schlösser Parz (Renaissance- und Wasserschloss), den Renaissance-Gutshof Luftenberg, sowie die Burgruine Spilberg. 1912 kam noch der Fideikommiss Kopidlno und Altenburg in Böhmen mit den Schlössern Kopidlno (1945 enteignet) und Stare Hrady (1921 verkauft) mit 8.600 Hektar Grund dazu. Dieser Besitz wurde noch von Graf Konrad nach langwierigen (1906-1912) Prozessen errungen (der Erbschaftsanspruch nach dem kinderlos verstorbenen entfernten Verwandten Graf Erwin Schlick war kontroversiell, beruhend auf einer Urkunde aus 1672 sowie der nach der Stiftungsurkunde festgesetzten Erbunwürdigkeit des Bruders des Verstorbenen aufgrund seiner Ehe mit einer Bürgerlichen), die zu beträchtlichen (in Folgeprozessen bekämpften) Anwaltskosten führten. Diese zusammen mit einer vom Grafen Konrad hinterlassenen Verschuldung von 1 Million Goldkronen (Linzer Tagblatt 29.3.1930 S.5; der Betrag entspricht in etwa heutigen 7 Millionen Euro) konnten jedoch in der Hyperinflationszeit zu einem geradezu lächerlichen Betrag (100 Schilling - rund 500 Euro) getilgt werden.
Anfang der 1920er Jahre entschied Marietta eine erste Erbteilung des Besitzes (s. auch B. Peters Geschichte zu Schloss Parz) an ihre zwei Töchter. Der böhmische Besitz ging an Tochter Henriette Prinzessin Thurn und Taxis (3 Töchter), der österreichische Besitz war für die kinderlose Tochter Irene Gräfin Szapáry bestimmt, allerdings mit einer fideikommissarischen Substitutionsregelung (in der die Schwester Henriette als Nacherbin bestimmt wurde und das Erbe von Irene genutzt, aber nicht verkauft werden durfte). Irene war seit 1910 mit dem ungarischen Grafen László Szapáry (1864-1969) verheiratet, der aus einer begüterten Magnatenfamilie stammte und eine politische Laufbahn einschlug. Er war Gouverneur des zum ungarischen Königreich gehörenden Fiume/Rijeka, und 1922-1924 ungarischer Botschafter in London (wo er eine außereheliche Tochter, Maria Gluski 1914-1989, zeugte). Ein aufwendiger Lebensstil sowie seine Spielsucht führten zu erheblichen Schulden, die 1930 in mehreren Konkursen, dem Verlust seiner Besitzungen in Murska Sobotka (heutiges Slowenien, früher zu Ungarn gehörig) und den Zusammenbruch der Sparkasse Dürnkrut, die einer seiner Hauptgeldgeber war, gipfelten. Auch seine Gattin Irene verschuldete sich hoch, was zu innerfamiliären Konflikten (inklusive Gerichtsverfahren) führte (Die Stunde 15.3.1930 S. 3). Der österreichische Besitz, den Marietta verwaltete, konnte aber zusammengehalten werden, auch wenn Grundverkäufe (u.a. mehr als 200 ha entlang des Donauufers im Stadtgebiet von Linz inkl. das Gelände des heutigen Flughafens Linz-Ost, Mühlviertler Nachrichten 28.7.1928 S.7) notwendig wurden, vor allem um Irenes Schulden zu tilgen (was an ihren Erbverzicht im Austausch an eine Apanage verknüpft wurde).
Mit dem Tode Mariettas 1940 und dem Verlust der böhmischen Besitzungen durch Verstaatlichung 1945 waren die verbleibenden österreichischen Besitzungen wiederum in einer weiblichen Hand vereint (Henriette Thurn und Taxis). Nach deren Tod 1960 und dem tragischen Tod ihrer Tochter Antonie 1962 kam es zur zweiten Erbteilung. Burg Styeregg (das Neue Schloss wurde durch Bomben im Krieg zerstört) ging an Henriettes Tochter Irene Marie, verh. Salm-Reifferscheidt; Parz, mit Luftenberg und Spilberg an ihre Schwester Marie Antonie, verh. Mensdorff-Pouilly, eine Teilung, die dem heutigen Besitzstand entspricht. Parz, Luftenberg, und Spilberg gingen dann im Erbgang 1980 an Maries Tochter Antonie Krassay, die 1985 das verfallende Schloss Parz verkaufte und Wohnsitz in Luftenberg nahm. Styeregg ist, nunmehr in männlicher Erbfolge, weiterhin im Besitz der Grafen Salm-Reifferscheidt-Ungnad-Weissenwolff.
Die Leistung Mariettas war es, in schwieriger Zeit das österreichische Familienerbe weitestgehend zu erhalten und weiterzugeben, was von ihrem starken Willen und Familiensinn zeugt. Die Etablierung einer weiblichen Erbfolge über zwei Generationen hinweg ist für eine aristokratische Familie bemerkenswert und sicherlich ein fairerer Ansatz im Vergleich zur traditionellen Primogenitur. Das Andenken an Marietta lebt in der Familientradition fort, Töchtern ihren Namen (bei) zu geben.
Das Adams Portrait Mariettas ist wohl Ende August/Anfang September 1917 (vor der Reise nach Kopidlno) entstanden. Da das Bild hinter Glas (also ohne Firnis) ist, kann auf eine zügige Ausführung und Auslieferung unter Termindruck geschlossen werden (das völlige Trocknen des Firnis dauerte in der Regel Monate). Zeitmangel könnte auch erklären, dass kein Portrait oder Kopfportraitstudie des jungen Grafen Nikolaus ausgeführt wurde, wie sie mehrmals bei vergleichbaren Portraits (Liechtenstein, Traun) dokumentiert sind. Wie der dargestellte Gobelin-Lehnsessel, der auch in zahlreichen anderen Adams Portraits vorkommt, beweist, ist das Portrait im Adams Atelier in der Theresianumgasse 11 entstanden. Obwohl Adams 1917 weiterhin Kriegsmaler war, sind keine Frontbesuche und Kriegsbilder belegt. 1917 war er von Kaiser Karl beauftragt, mehrere Portraits des jungen Herrschers (die 1916 begonnene Kaiserjägerhuldigung, Kaiser Karl I in Galauniform) sowie Kopien seines Portraits von Kaiser Franz Josef (von 1914) anzufertigen und wurde auf allerhöchste Entschließung auch vom Truppendienst befreit, hatte also Zeit neben offiziellen Aufträgen (Bildnis Erzherzog Max, Fürst Montenuovo, Entwurf für das Plakat der Kriegsbilderausstellung in Graz) auch private Aufträge zu übernehmen und v.a. auch seine Kollektivausstellung im Wiener Künstlerhaus (25. Februar bis 25. März 1917) vorzubereiten und zu betreuen.
Künstlerisch ist das ausdrucksstarke Portrait, dessen direkter Augenkontakt den Betrachter fesselt, charakteristisch für den Spätstil von Adams: neben der konsequenten Anwendung des Whistler’schen Ton-in-Ton Prinzips, in diesem Fall schwarz/dunkelgrau, das nur durch den Farbakzent der Stoffblume im Ausschnitt in interessanter Weise gebrochen wird, weist vor allem der völlig gegenstandslose Bildhintergrund bereits auf den Adams Spätstil hin. Vergleichbare Portraits aus der Zeit stellen zumeist noch Interieurs oder zumindest einen stilisierten Landschaftshintergrund dar, womit Mariettas Portrait künstlerisch bereits auf die Zeit nach der Monarchie hinweist.
Danksagung: Der Herausgeber bedankt sich herzlich für die Gastfreundschaft und freundliche Unterstützung durch die Familie Krassay, die die Dokumentation dieses Adams Werkes ermöglichte.
Ausgestellt
Literatur
APH, Werksverzeichnis JQA 1995, S. 162, Kat.#130, keine Abbildung.
Provenienz
Seit 1917 die Dargestellte, und ihre Familiennachkommen, Privatbesitz Österreich.
