John Quincy Adams, Werkschau John Quincy Adams, Bilder von John Quincy Adams

Ida Lichtenstern Kohn Nauss 1907

Brustbild, Seitenansicht, der Kopf ist dem Betrachter zugewandt und schaut ihn mit einem schönen Lächeln direkt an. Die Dargestellte trägt ein weißes Kleid und darüber einen halbtransparenten schwarzen Chiffon mit schwarzer Borte, auf dem Kopf einen riesigen schwarzen runden Hut, der mit schwarzen Federn verziert ist, die von der Mitte des Hutes über die vordere Krempe fließen. Der Hintergrund des Gemäldes ist abstrakt und besteht aus Brauntönen, die durch Pinselstriche strukturiert sind.

Öl auf Holz, oval 80 x 72 cm
Signatur: John Quincy Ɑdams
Privatsammlung USA
Bild: Zustand ca. 1985, nach einer professionellen Restaurierung.
Photo credit: Gwen Tauber.

Ida, geb. Lichtenstern, verheiratete Kohn, wiederverheiratete Nauss, 8.3.1875 Wien bis 29.11.1960 Wien, temperamentvolle und sportliche Schönheit.
Ida Lichtenstern wurde in eine wohlhabende Wiener jüdische Familie hineingeboren. Ihr Vater Heinrich Lichtenstern (1837-1895) war Besitzer der Lilien-Porzellanfabrik in Wilhelmsburg [Anm. 1]. Am 3.2.1895, kaum 20 Jahre alt, wurde Ida mit Philip Kohn (1857-1917) verheiratet, einem ebenso wohlhabenden Industriellen, aber fast doppelt so alt wie sie. Um die Jahrhundertwende besaß er in Szentgotthárt die wahrscheinlich größte Uhrenfabrik der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Ida und Philip hatten zwei Kinder, eine Tochter Anny (1895-1993) und einen Sohn Walter (1897-1932). Die Familie wohnte in einer Wohnung im Atlashof in Wien I., Franz Josefskai 1.

Aufgrund des Alters- und Temperamentunterschieds wurde die Ehe geschieden (18.4.1905 - vor 1919 war eine Scheidung für Katholiken in Österreich nicht möglich, für andere Konfessionen, insbesondere Juden, gab es Ausnahmen). Nach der Scheidung der Eltern wurden die Kinder, wie damals üblich, dem Vater zugesprochen und blieben in der Wohnung in Atlashof zunächst unter der Aufsicht der Schwester des Vaters, Tante Fanny Klinger, und später eines Kindermädchens (Tante Gin Zak, die über zwei Generationen in der Familie blieb). Obwohl Ida die Wohnung nie wieder betreten durfte, hielt sie den Kontakt zu ihren Kindern aufrecht. Beide Kinder wurden ab 1910 auf private Gymnasien geschickt. Obwohl das Adams-Porträt undatiert ist, ist es eindeutig vor dem 20. Juni 1911 entstanden, als Ida eine Fotografie davon als Korrespondenz-Karte (siehe Querverweise) an ihre Tochter an deren Schule in Dresden schickte (das Gemälde befand sich damals in einem anderen Rahmen, einem, der von Adams mehrmals verwendet wurde).

Ida, die sich ihrer Schönheit durchaus bewusst war, war ein lebhaftes Mitglied des jüdischen Großbürgertums Wiens. Ihr Deutsch war durchsetzt mit französischen Ausdrücken, ein Erbe ihrer Mutter, die in der Familie scherzhaft als Madame Caroline bezeichnet wurde.

Ida wiederverheiratete sich am 20.5.1915 mit Friedrich (Fritz) Nauss/Nauß (1876-1946), der zu dieser Zeit Offizier in der k.u.k. Armee war (siehe Querverweise). Obwohl er katholisch war, wurden sie im Seitenstettengasse-Tempel getraut. Ida verließ indess die Israelitische Kultusgemeinde Ende 1924. Das Gemälde hing in ihrer Wohnung in Wien IX., Kolingasse 19 (im heutigen Rahmen). Nach 1945 hing das Porträt in ihrer Nachkriegswohnung in der Porzellangasse 14, ebenfalls im IX. Bezirk.

Idas abenteuerliche Natur machte sie zu einer der ersten Skifahrerinnen ihrer Zeit (siehe Querverweise) und zu einer begeisterten Eisläuferin, speziell im Paartanz im Wiener Eislaufverein am Heumarkt. Ihre Enkelkinder, die 1930 10 und 8 Jahre alt waren, erinnerten sich, dass sie Idas Tanz mit einigen Herren unterbrachen, um sie zu bitten, sie nach Hause zu bringen, weil sie froren. Sie schimpfte mit ihnen, weil sie sie vor ihrem Eislaufpartner "Großmutter" genannt hatten, und bestand darauf, dass sie sie von nun an Ida nannten. Sie verfügte über eine sehr lebhafte Phantasie und war eine brillante Geschichtenerzählerin, die zur Freude ihrer Kinder und Enkelkinder endlose phantastische und fesselnde Geschichten erzählen konnte. Sie war auch eine sehr gute Pianistin und unterhielt ihre Zuhörer gerne mit einer Vielzahl von Klaviertricks.

In den 1950er Jahren erzählte Ida eine lustige Geschichte über ihr Porträt. Nachdem sie ein Hausmädchen verloren hatte, führte sie Vorstellungsgespräche mit Bewerberinnen, die sie ersetzen sollten. Als sie eine von ihnen durch ihre Wohnung führte, zeigte sie stolz auf ihr Porträt. Die nachdenkliche Antwort des Mädchens war: "Ja, ja. Eine Ruine war auch einmal ein schönes Schloss". Ida war ein freier Geist und eine starke und intelligente Frau. Diese Eigenschaften kamen ihr bei der Bewältigung der Wechselfälle ihres Lebens zugute, insbesondere beim frühen und tragischen Tod ihres Sohnes Walter unter außergewöhnlichen Umständen 1932 in Bolivien (siehe den Exkurs über Walter Kohn weiter unten). Trotz dieser Schicksalsschläge bewahrte sie sich ihren wunderbaren Sinn für Humor bis ins hohe Alter.

Ida und ihr Mann Fritz Nauss blieben während der gesamten Zeit des Nazi-Regimes in Wien. Idas "Mischehe" mit einem Katholiken sowie Fritz' angesehene Position als Eichamtsoberinspektor und Regierungsrat boten zwar einen gewissen Schutz, aber die Gefahr der Deportation muss immer präsent gewesen sein. Es heißt, dass Fritz 1946 an den Folgen von Unterernährung starb. Idas Tochter überlebte den Krieg in Rumänien und kehrte 1949 nach Wien zurück, wo sie und ihre Mutter bis an ihr Lebensende engen Kontakt hielten.

Ida Lichtenstern Kohn Nauss starb am 29. November 1960 in ihrer Wohnung in der Porzellangasse im Beisein ihrer Tochter. Sie ist in der Lichtenstern-Familiengruft in Döbling beigesetzt, gemeinsam mit ihrem Mann Fritz und ihrem Bruder Richard, der ihr zeitlebens eine Stütze war, vor allem nach ihrer Scheidung und in der Zeit, als ihr Sohn Walter in Bolivien inhaftiert war.

Das Porträt von Ida Lichternstern-Kohn-Nauss ist einzigartig unter den Portraits von Adams. Aufgrund stilistischer Überlegungen (siehe das Porträt von Martha Brünner von 1905 in den Querverweisen) wird es hier auf ca. 1907 datiert (könnte aber auch früher entstanden sein, etwa 1905, ist aber aufgrund einer im Besitz der Familie erhaltenen Fotografie definitiv vor 1911 zu datieren, siehe Querverweise). Als solches ist es seiner Zeit in Bezug auf die expressionistische Pinselführung und den abstrakten Hintergrund weit voraus. Vor allem aber ist es das einzige Adams-Porträt, auf dem die Dargestellte lächelt, und das in diesem Fall besonders charmant. Es ist wohl unwahrscheinlich, dass das Porträt als formeller Auftrag entstanden ist. Ein solcher Auftrag wäre bei oder nach einer Scheidung sehr ungewöhnlich und auch finanziell leichtsinning gewesen. (Um 1907 berechnete Adams etwa 3.000-5.000 Kronen pro Porträt, d.h. das 3-5-fache des Jahreseinkommens eines durchschnittlichen Arbeiters.) Daher ist es gut möglich, dass das Porträt als Geschenk angefertigt wurde, weil Adams und die Porträtierte näher bekannt waren, höchstwahrscheinlich aufgrund ihrer gemeinsamen Leidenschaft für den Skisport, bei dem Ida eine frühe Pionierin war und Adams als Skilehrer für den Ersten Wiener Wintersportverein fungierte, den er 1905 mitbegründete. Vermutlich fühlte sich Adams außerhalb eines formellen Auftrags nicht gezwungen, den damaligen Porträtkonventionen zu folgen, wonach Hintergrund, Kleidung und Accessoires den sozialen Status der Porträtierten signalisieren mussten. Adams wandte in dem vorliegenden Porträt auch strikt das von Whistler inspirierte Ton-in-Ton-Farbschema an, das er erst viel später in den 1920er Jahren in mehreren Porträts so konsequent anwendete. In jedem Fall ist das Porträt von Ida Lichtenstern-Kohn-Nauss für Adams wegweisend und verdient zu Recht, in diesem Werkverzeichnis einem breiteren Publikum vorgestellt zu werden, da das Gemälde bislang nie öffentlich ausgestellt war.

Anmerkungen:
[1] Wilhelmsburger Porzellan gibt es bereits seit 1795. Heinrich Lichtenstern kaufte die Fabrik 1883, und das Unternehmen wurde von Idas Bruder Richard Lichtenstern (1870-1937) stark ausgebaut und nach dem 2. Weltkrieg von seinem Sohn Conrad Henry Lester (1907-1996, der seinen Namen im US-Exil änderte) weitergeführt. Das pastellfarbene "Daisy"-Design aus den 1960er Jahren ist in Österreich sehr bekannt und beliebt. Die Porzellan- und Steingut-Produktion in Wilhelmsburg wurde 1997 eingestellt.
[2] Philip Kohn, der ursprünglich ein Uhren-Groß- und -Einzelhändler in Wien war, kaufte die Erste Ungarische Uhrenfabrik in Szentgotthárt (St. Gotthard an der österreichisch-ungarischen Grenze), die 1904 durch einen Brand zerstört worden war, und baute sie wieder auf. Das Unternehmen florierte bis zu seinem Tode im Jahre 1917, kam aber nach dem Zusammenbruch der Monarchie und deren gemeinsamen Marktes in Schwierigkeiten. 1929 wurde der marode Betrieb von Philips Sohn Walter Kohn nach Wien verlagert.

Biografischer Eintrag verfasst vom Enkel und den Urenkelinnen der Portraitierten Kurt Philip Tauber, Elizabeth Sissi Gill und Gwen Michèle Tauber (kunstbezogener Text vom Herausgeber).

Exkurs: Das Leben, die Abenteuer und der Tod des Walter Kohn.

Walter Kohn, der einzige Sohn von Ida Lichtenstern und Philip Kohn, wurde 1897 in Wien geboren. (Seine einzige Schwester Anny wurde 1895 geboren.) Er erbte den Charme, die Lebensfreude und die blühende Phantasie seiner Mutter und das strenge Ehrgefühl und die soziale Verantwortung seines Vaters. Intelligent und ehrgeizig, war Walter auch sehr selbstbewusst. Dieses Selbstvertrauen verleitete ihn bisweilen zu abenteuerlichem Leichtsinn. Als Philip Kohn 1917 starb, entließ die österreichisch-ungarische Armee Walter, einen hochdekorierten Offizier, aus dem Kriegsdienst, um die bekannte Uhrenfirma seines Vaters zu übernehmen. Im Alter von 20 Jahren führte Walter das Unternehmen durch den Zusammenbruch des Kaiserreichs im Jahr 1918 und die darauf folgende verheerende Inflation. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 brachte seine verschiedenen Unternehmen an den Rand des Bankrotts und belastete sie mit hohen Schulden. Von seinem Ehrgefühl geleitet, war Walter entschlossen, seinen Gläubigern jeden Groschen zurückzuzahlen. Dazu beschloss er, in Bolivien nach Gold zu suchen.

Walter Kohn machte sich mit zwei Begleitern auf den Weg in die weiten Urwälder Boliviens. Zwei Wochen später kehrte Walter allein nach La Paz zurück. Seine beiden Begleiter wurden in ihrem Lager erschossen aufgefunden und Walter wurde wegen Doppelmordes angeklagt, vor Gericht gestellt, verurteilt und zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. In den folgenden 15 Monaten verdichteten sich die Beweise, dass Walter Kohn die Tat nicht begangen haben konnte.

Als im September 1932 der Chaco Krieg zwischen Bolivien und Paraguay ausbrach, entließ der Staat Walter Kohn aus dem Gefängnis und übertrug ihm - im Rang eines Hauptmanns - die Leitung des bolivianischen Panzerkorps. Übermütig und furchtlos verwickelte sich Walter in todesmutigen Aktionen. Im Dezember 1932 fiel er im Kampf. Er wurde mit allen militärischen Ehren beigesetzt und zum Nationalhelden erklärt. In Bolivien gibt es mehrere Straßen und Denkmäler, die seinem Andenken gewidmet sind, aber er wurde offiziell nie von seiner Verurteilung rehabilitiert.

Ausgestellt

Literatur

APH, Werksverzeichnis JQA 1995, S. 82, Kat.#51, Abb.#36.

Provenienz

Die Dargestellte,
und ihre Familiennachkommen.
Privatbesitz USA.

Top